Zwischenmenschliche Kontakte und das Problem der Gutmenschlichkeit

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass dieser Beitrag nicht aus einer überheblichen Position heraus verfasst wurde, sondern auf Erfahrungen basiert wie alles andere auch. In allem, was ich beschreibe, steck(t)en auch Wesenszüge von mir selbst, mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Vielleicht helfen manche Hinweise, gewisse Fallen im Vornherein zu erkennen und sowohl bei sich selbst als auch bei anderen zu umgehen.

 

 

 

     Der Umgang mit Menschen

 

Wenn man in die transformative Phase eintritt, gestaltet sich der Umgang mit Menschen aufgrund der Überempfindlichkeit des Körpers, auf die wir keinen Einfluss haben, immer schwieriger. Manchmal muss man Kontakte einschränken oder abbrechen, was natürlich nicht immer verstanden wird. 

So kann es z.B. zu Zahnschmerzen, dem erwähnten Heißlaufen, Übelkeit oder Schwindelgefühlen in der Nähe bestimmter Menschen kommen. Wobei räumliche Distanz unerheblich ist. Die gedankliche Verbindung ist ausreichend.   

Oft fühlt man sich nach dem Kontakt ausgelaugt, aus der spirituellen Konzentration gekippt, verunsichert, ängstlich, aggressiv oder voller Schuldgefühle, obwohl man nichts gesagt oder getan hat, womit sich das erklären könnte. Man hat einfach nur an sein vitales Energiefeld "angedockt". Manchmal übernimmt man zeitweilig sogar "Krankheiten" der anderen. Es dauert eine Weile, bis man das bemerkt und lernt, damit umzugehen und sich abzugrenzen, auch wenn sich der andere dadurch vor den Kopf gestoßen fühlt. Das ist traurig, aber er steckt nicht in unserer Haut.

 

Besonders schwer fällt es bei Leuten, die "lieb" und zugewandt auftreten. Nicht selten sind sie in der spirituellen Szene zu finden. Sie haben aufgrund ihres netten Erscheinungsbilds lange einen Vertrauensbonus und man begegnet ihnen mit besonderer Offenheit. In Wirklichkeit haben sie ihre dunklen Anteile nur etwas tiefer verdrängt, denn sie schlummern in jedem Menschen gleichermaßen. Es ist ihnen entweder nicht bewusst oder sie wollen es nicht wahrhaben, was sie neben den angenehmen Worten als darunter liegenden Antrieb auf uns werfen. Konfrontiert man sie damit, bricht ihre Fassade auf und es kommt zuweilen sehr "morastig" und "empört" nach oben unter eloquenten Begründungen und Rechtfertigungen des trickreichen Egos, das jede Verantwortung von sich weist. Mutter sagte einmal sehr treffend, in einer Diskussion mit dem Mental könne man immer nur verlieren. Je nach Betrachtungswinkel gibt es nun einmal viele Wahrheiten.

Was mir in solchen Diskussionen auch begegnete, war die plötzliche Kehrtwendung und der Satz "Ja du bist ja auch weiter, ich hab nun mal noch Fehler und Schwächen."  Dazu kann ich nur sagen: Die haben wir alle, solange die Transformation nicht einen bestimmten Punkt erreicht hat. Aber sie zu haben oder auszuleben ist zweierlei. Und sich ihnen wider besseres Wissen auszusetzen dient niemandem, am wenigstens uns selbst, denn wir (d.h. unsere Körper) sind dagegen nicht mehr geschützt. Deshalb ist es ab einem gewissen Zeitpunkt besser, in die Selbstfürsorge zu gehen und darauf zu verzichten, wenn es nur noch mit leidvollen Erfahrungen verbunden ist. Man hat genug zu tragen.

Zuweilen liegt der Irrtum zugrunde, Hingabe an das Göttliche Bewusstsein bedeutet, Ihm alles zu überlassen und sich selbst nicht mehr anzustrengen:  

 

 

Dass Gott alles gewollt und vorhergesehen hat, ist kein Grund für dich, untätig dazusitzen und Seine Vorsehung abzuwarten, denn dein Tätigsein ist eine Seinter wichtigsten Vollzugskräfte. Auf denn und handle, nicht eigensüchtig, sondern als des Umstands Werkzeug und scheinbarer Verursacher des Geschehens, das Er vorherbestimmt hat. 

 

Sri Aurobindo

 

 

Aus einer Unterhaltung mit Mutter von 1969:

F: "Wenn alles vorhergesehen ist, welches ist dann die Rolle der menschlichen Sehnsucht und Anstrengung?"

Mutter: "In jedem Bereich (dem physischen, vitalen und geistigen) ist alles vorhergesehen; aber das Eindringen eines höheren Bereichs (obergeistig und darüber) führt in die Geschehnisse einen anderen Determinismus ein und kann den Gang der Dinge verändern. Das ist es, was die Sehnsucht bewirken kann. 

Was die menschliche Anstrengung betrifft, so gehört sie zu den determinierten Dingen, und in der Gesamtheit des Kräftespiels ist ihre Rolle vorhergesehen."

 

 

 

     Das Problem mit der Gutmenschlichkeit

 

Durch die Veränderung des globalen Bewusstseins kommen immer mehr Menschen in Kontakt mit ihren intuitiven Wesensanteilen und ihre Wahrnehmung schärft sich. Dadurch hat sich der Typus "Gutmensch" immer mehr herauskristallisiert. Gerade spirituelle Menschen, die mit einem Teil der Wahrheit in Berührung kamen, bleiben irrtümlich gern auf dieser Stufe stehen. Viele fangen dann an, andere darüber zu belehren und vergessen oder halten es nicht mehr für nötig, selbst weiterzugehen und an sich zu arbeiten. Die Gefahr ist groß, sich dadurch für "besser" als andere zu halten. Es hat sich etwas manifestiert, das man als spirituelles Ego bezeichnet. Da es sich auf einen Teil der Wahrheit stützt, ist es erstens besonders schwer zu identifizieren und zweitens noch schwerer zu überwinden. Da hilft nur schonungslose Ehrlichkeit.

Bis zur endgültigen Verwirklichung ist es ein weiter und steiniger Weg und man weiß, wann man angekommen ist. Dann fällt jedes "belehren wollen" weg. Es sei denn, es ist unsere Aufgabe in dieser Welt. Dann tut man es auf eine Weise, die nicht in den Seelenweg anderer Menschen eingreift.  

Die Kehrseite davon ist der "Asket", der so sehr in seiner konzentrierten Leblosigkeit und "Reinheit" erstarrt ist, dass er sich überhaupt nicht mehr auf "minderwertige" Gespräche mit uns einlässt. Vergessend, dass alles Leben Yoga ist. Im Grunde liegt neben einer gewissen Überheblichkeit die Angst zugrunde, mit den eigenen vitalen Anteilen nicht umgehen zu können, wenn andere sie triggern. 

 

Die meisten Menschen stehen jedoch noch auf der Ebene der Moral, urteilen von dort aus über andere, maßregeln sie und greifen ihren eigenen Trieben folgend oft massiv in deren Leben ein. Sie berufen sich dabei auf ihre scheinbare Kompetenz und Tugendhaftigkeit. 

Aurobindo hat diese menschliche Eigenschaft gut gekannt: „Das von Sünde und Laster begangene Böse ist leicht zu erkennen, aber das geübte Auge sieht auch das Böse, das selbstgerechte und mit sich selbst beschäftigte Tugend bewirkt hat.“  

Und diese Tugend ist nach wie vor am Werk. Sowohl im zwischenmenschlichen Bereich als auch global, wo man sie "Toleranz", „westliche Werte“ oder "Religionsausübung" nennt.

Mutter wurde einst um eine Botschaft gebeten für eine Broschüre der Unesco über Toleranz: Hier die Botschaft und ihre Anmerkung dazu: " `Die Toleranz ist nur ein erster Schritt zur Weisheit. Die Notwendigkeit von Toleranz weist noch auf das Vorhandensein von Vorlieben hin. Wer im göttlichen Bewußtsein lebt, betrachtet alles mit einem vollkommenen Gleichmut der Seele.´

Sie blasen sich auf und glauben, sehr erhaben zu sein, weil sie "Toleranz" besitzen – aber die Toleranz betrachtet die Dinge von oben herab, mit Verachtung." (Agenda, 9.August 1969) 

 

Auch die vermeintlich "Gutmenschen"  werden irgendwann ihren hässlichsten Seiten gegenübertreten müssen, weil die Fassade bröckelt und das globale Unterbewusste, aus dem auch sie schöpfen, jetzt endgültig ausgeräumt und ans Tageslicht gebracht wird. Unsere Masken werden uns die nächsten Jahrzehnte vollständig von den Gesichtern gerissen werden. Man beobachte all die aufgeblähten Verhaltensweisen, Heucheleien, Entrüstungen und "Sanktionen" auf der Welt, ein groteskes Schauspiel, blind gegenüber den eigenen Antrieben.

Ob die Rolle des Scheusals oder die des Tugendhaften: Es ist alles noch dieselbe Seite der Medaille. Was auf uns zukommt, ist etwas VOLLKOMMEN NEUES jenseits von all dem. Unsere Masken waren nur ein nützlicher, aber temporärer Notbehelf der Evolution. 

 

Um das Phänomen der Tugendhaftigkeit bei sich selbst zu entlarven, kann man fragen: 

Ist meine Sorge um jemand wirklich berechtigt? Braucht der andere mich tatsächlich oder ist es nur mein Bedürfnis, ihn zu kontrollieren? 

Helfe ich selbstlos oder liegt darunter die Sucht nach Anerkennung, geliebt zu werden oder "besser" zu sein? 

Versuche ich den Menschen zu gefallen oder dem Göttlichen Bewusstsein? 

Führe ich immer dieselben Ausreden an, wenn mir ein Spiegel vorgehalten wird, oder arbeite ich daran, mich zu verändern? 

 

 

Zuerst, wann immer ich in die Sünde zurückfiel, pflegte ich zu weinen und mir selbst und Gott zu zürnen, es zugelassen zu haben. Später wagte ich höchstens noch zu fragen: "Warum hast du mich wieder im Schmutz gewälzt, o mein Spielkamerad?" Dann kam mir sogar das zu kühn und vermessen vor; ich konnte mich nur noch schweigend erheben, ihm einen Seitenblick zuwerfen – und mich säubern." 

 

Sri Aurobindo

 

 

Mutters Kommentar dazu: "Solange der Mensch auf seine Tugend stolz ist, wird ihn der höchste Herr in die Sünde fallen lassen, um ihm die Notwendigkeit der Demut beizubringen."

Mit dieser Demut ist keine bigotte Unterwürfigkeit gemeint, sondern erstens das Anerkennen der Tatsache, dass wir alle dasselbe in unseren Seinsschichten tragen und aus dem globalen unterbewussten Morast schöpfen. Und zweitens die Bereitschaft, Ihm das alles darzubringen, damit Er es bereinige. Das Göttliche Bewusstsein allein ist in der Lage, das zu tun. Und solange wir nicht willens sind, uns von Ihm bis in den hintersten Winkel unseres Seins läutern zu lassen, sollten wir uns nicht selbstgefällig über andere erheben, aber uns auch nicht geringer erachten als sie.

Am besten ist es, sich auf sein eigenes Voranschreiten zu konzentrieren. Man dient damit der ganzen Welt.  

Raum für eigene Erfahrungen, Kommentare, Fragen ...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
VCounter.de Besucherzähler

Links und Literatur 

Links and Literature: Please understand that I am listing only German sources. The equivalents, if any exist, are easy to find in the web.  


   Bilder und Zitate       Pictures and Quotes

 

 

 Der Mensch ist ein Übergangswesen. 

 Man is a transitional being. 

 Um den Glauben und alles andere zu erlangen, muss man darauf bestehen, ihn zu bekommen und darf solange nicht erlahmen oder verzweifeln oder aufgeben, bis man ihn besitzt – auf diese Weise wurde alles erlangt, seit diese schwierige Erde von denkenden und sehnsüchtigen Wesen bewohnt wird. Es gilt, sich ständig dem Licht zu öffnen und der Finsternis den Rücken zu kehren. Es gilt, die Stimmen zurückzuweisen, die unermüdlich behaupten: "Du kannst nicht, du darfst nicht, du bist unfähig, du bist eine Marionette eines Traumes." 

In order to gain faith and everything else you have to insist on getting it and must not grow weak, despair or give up until it is possessed - in this way everything has been obtained since this difficult earth is inhabited by thinking and longing beings. It is a matter of constantly opening ourselves to the light and turning your back on the darkness. It is necessary to reject the voices which tirelessly assert: "You cannot, you must not, you are incapable, you are a marionette of a dream."

 Ich glaube, ich kann behaupten, Tag und Nacht, Jahr um Jahr gewissenhafter experimentiert zu haben, als ein Wissenschaftler seine Theorie oder Methode auf der physischen Ebene prüft. 

 

I think I can claim to have experimented day and night, year by year, more conscientiously than a scientist examines his theory or method on the physical plane. 

 Die Manifestation der Liebe des Göttlichen in der Welt war das große Selbstopfer, die höchste Selbsthingabe. Das Vollkommene Bewusstsein willigte darin ein, in die Unbewusstheit der Materie einzutauchen und von ihr aufgesaugt zu werden, auf dass Bewusstheit in den tiefen ihrer Finsternis erweckt werde und nach und nach eine göttliche Macht darin auftauche und die Gesamtheit dieses manifestierten Universums zu einem höchsten Ausdruck des göttlichen Bewusstseins und der göttlichen Liebe mache.

 

The manifestation of the Divine Love in the world was the great self-sacrifice, the highest self-giving. The Perfect Consciousness consented to immerse in the unconsciousness of matter and to be absorbed by it to awaken consciousness in the depths of its darkness and to gradually reveal a Divine power in it and to turn the totality of this manifested universe into a supreme expression of the Divine consciousness and Divine love.

 

Ich kam nach Indien, um Sri Aurobindo zu begegnen. Ich blieb in Indien, um mit Sri Aurobindo zu leben. Als er seinen Körper verließ, fuhr ich fort, hier zu leben, um sein Werk weiterzuführen: d.h. der Wahrheit zu dienen und die Menschheit zu erleuchten, um die Herrschaft der göttlichen Liebe auf der Erde zu beschleunigen. 

 

 I came to India to meet Sri Aurobindo. I remained in India to live with Sri Aurobindo. When he left his body, I continued to live here in order to do his work which is by serving the Truth and enlightening humanity to hasten the rule of the Divine's Love upon earth.

 Gegenwärtig sind wir mitten in der Übergangsperiode, in welcher beide sich ineinander verschränken: Die alte Welt besteht noch in all ihrer Macht, beherrscht das gewöhnliche Bewusstsein, aber die neue schleicht sich ein, so bescheiden und unaufdringlich, dass sie für den Augenblick wenigstens äußerlich nicht sehr viel verändert ... aber sie arbeitet, sie wächst, bis auf den Tag, an dem sie stark genug ist, sich augenfällig zu behaupten. 

 

At the present time we are in the midst of the transitional period in which the two are intertwined: the old world still exists in all its power, dominates the ordinary consciousness, but the new is creeping in so modest and unobtrusive that at least for the moment it does not change much externally ...  but it works, it grows, until the day it is strong enough to assert itself visibly.

 

 Ich sah diese zwei Extreme: den Gipfel des Yogi und den Gipfel, sagen wir, des Elektronikers oder des Intellekts. Und was lag zwischen den beiden? Und wo ist es besser zu entschwinden? – Denn in beiden Fällen schien man zu entschwinden: entweder in leuchtendem Weiß oder in einem ziemlich erstickenden Schwarz. Aber das Leben, das göttliche Leben war das nicht!

 

 I saw these two extremes: the summit of the yogi and the summit, say, the electronics or the intellect. And what was between the two? And where is it better to escape? – For in both cases one seemed to be disappearing: either in bright white or in a rather suffocating black. But it wasn't life, not the Divine Life!

 Oh, wir halten uns alle für weise und wissend, wie schade! Wir schlafen weise und wissenschaftlich und auf einem seltsamen Feuer, das dort glimmert und das demnächst all unsere Weisheiten und Wissenschaften umstürzen wird. Was für Kinder wir doch sind! Dort, im Körper. Dieses Mysterium ...

 

Oh, we all consider ourselves wise and knowing, how pity! We sleep wisely and scientifically and on a strange fire glimmering there which will soon overthrow all our wisdoms and sciences. What children we are! There, in the body. This mystery ...

 

Es ist sehr seltsam: wie zwei Körper ineinander. Der eine weiß unwiderruflich und für immer und allen Widrigkeiten zum Trotz, er kennt das Leben, das er berührt; und der andere, ein wenig darüber und ihn gleichsam verhüllend, ist der alte sterbliche Körper, das Resultat unzähliger Vorahnen, die ihm den Tod und nur den Tod eintrichterten – den Tod bei der geringsten Anzweiflung seines überlieferten alten Rhythmus. Und dieser weiß überhaupt nichts! Er weiß nur um das alte Gesetz.

 

It is very strange: like two bodies in each other. The one knows irrevocably and forever and against all odds, he knows the life he touches; and the other a little above and covering him is the old mortal body, the result of countless ancestors which brought him death and only death  – death at the slightest doubt of his ancient tradition. And he knows nothing at all! He only knows the old law. 


Es ist die Dunkelheit vor der

Morgendämmerung,

just the darkness

before dawn ...