Der lange Weg zum Homo sapiens

Er ist geprägt von der  Verfeinerung des Vitals und der Herausbildung des Mentals als neues Element. Nun darf man diese Begriffe Vital oder Mental nicht als etwas verstehen, was sich in unserem Körper als trennbare und eindeutig identifizierbare Schichten anlegte wie bei einer Zwiebel. Alles durchdrang sich von Anfang an und bedingte und stützte sich gegenseitig. "Verquirlt wie Majonnaise", beschrieb es Mutter.  

Das Vital war der große Antriebsmotor des Lebens, seit es den punktuellen Bewusstsein gelungen war, in den ersten Pflänzchen der Erde dieses Leben zu verankern. Im Tier reifte es weiter heran und zu der dumpfen Unbewusstheit des Pflanzenreichs, gelebt zu werden,  gesellte sich bald ein neues Element: Sich dieser Lebenskraft bewusst zu werden und sie gezielt einzusetzen:  

"... Ich glaub', da gab's schon einige Kämpfe – ooaah, auuh (sehr starke Emotionen, zwischen Abscheu und Mitgerissensein) – da hab ich einige zusammengedroschen, und wie. Da ist 'ne Horde aus dem Dschungel rausgebrochen. Auf uns zugerannt und die schreien, eine Horde, vielleicht von 20 Leuten oder 30. ... und da hab ich mit der Keule ein paar links und rechts zusammengedroschen, das hat Riesenschläge getan, das war ein tolles Gefühl (Lachen). ... Ah, ich bin schon ein starker Brocken. Dann hab ich erst mal paar Schlachtrufe losgelassen. Das war so toll.... Nachdem die fertig waren, da hat man ja noch unheimlich Dampf drauf und springt erst mal rum, gegenseitig im Arm, und hüpft und schreit und tut, man hat ja gewonnen. ... In dem Moment denkt man nicht, da fühlt man unheimliches Triumpfgefühl und schreit da rum, ..." (Dr. Peter Reiter, a.a.O., S. 180, 181)

Ein Gefühl der Lust durch die Macht und Überlegenheit über Andere tauchte auf. Das Wohlgefühl der Dominanz, das Bild des Feindes und die zunehmende Trennung von anderen. Die Nähe zum Rudelverhalten des Tierdaseins ist sehr deutlich, weil die vitale Stärke zu dieser Zeit noch ungehindert ausgelebt wurde. Mit Auftreten des Mentals verschwand dieses Verhalten nicht wirklich, es wurde nur perfekt überlagert. Wenn wir ehrlich sind, beherrscht es uns heute noch, unter der scheinbar verfeinerten Oberfläche aus Begründungen und Rechtfertigungen unserer heutigen "Werte". Die wahren Antriebe verschoben wir als ungehobelt und primitiv ins Unterbewusste, von wo aus sie uns heute noch mehr oder weniger beherrschen. 

An folgender Szene aus demselben Leben des Peter Reiter kann man das erste zarte Aufkeimen des Mentals erkennen: "Die [toten Feinde] werden zusammengetragen, auf den Sammlungsplatz gelegt, abends, und dann gibt's 'ne Zeremonie mit irgendwie rituellem Hintergrund und dann werden die am nächsten Tag auf Holz gebunden, was so rumliegt, und werden den Fluss runtertreiben lassen. ... aus einem Überlegenheitsgefühl heraus. ... Das ist einfach so, wie der Fluss auch irgendwie fließt, so verfließen auch unsere Feinde. Wir bestehen an dieser Stelle." (a.a.O., S. 181)  Diese Handlungsweise entspringt bereits einer gewissen Sinnhaftigkeit. 

 

Die Macht des Einzelnen wurde mehr und mehr zur Überlegenheit einer ganzen Gruppe oder Kultur, in der nicht mehr die rein körperliche Stärke bestimmend war. Folgender Ausschnitt entstammt einem Sein in relativer Zeitnähe zum Vorhergegangenen. Das dominierende Element war die kulthafte Verehrung des Steines und die Fähigkeit der Organisation:

"Ich seh eine Stadt, ganz in der Nähe. Aber die ist ganz anders wie die Städte, die ich sonst gesehen hab. Die scheint mir völlig aus Stein zu sein, Gräben und Gassen, alles aus Stein. Das sieht so aus, wie wenn sie irgendwo reingehauen wurde.  ... auch die Straßen sind aus Stein. ... " (a.a.O., S. 156) 

Herr Reiter beschrieb sich als Vater von zwei Kindern, die Frau war verstorben, was er als großen emotionalen Einschnitt dieses Lebens erfuhr.  Er hatte bereits einen Namen und entstammte einer Kriegerlinie, einer anerkannten und sehr gehobenen Familie: " ... das ist einfach 'ne größere Gruppe, die irgendwie verwandtschaftlich entstanden ist. Und die führen ihren Ursprung auch oft auf Helden zurück und auf irgendwelche halbmythische Gestalten. Die haben auch 'ne gewissen Verantwortung – man fühlt sich wie heute als Staatsbürger. Man muss, egal, was für einen Beruf man hat, ein gewisses Ansehen wahren. Auf jeden Fall bin ich im Vergleich zu den Bauern oder denen, die die Tiere hüten, was Höheres. – Diese Familien haben auch quasi die Kontrolle über die Stadt. Die bilden sowas wie einen Rat, der ist praktisch die Regierung. (a.a.O., S. 159) 

 

Eine Steinpyramide war das äußere Symbol dieser Macht des Steins. Auf ihr befand sich eine Opferstelle, wo in einer Schale und im Feuer Blut oder ein Menschenherz geopfert wurden. Auf die ausführliche Philosophie dahinter will ich hier nicht näher eingehen, nur soviel:

"Die Pyramide gibt uns die Macht. ... Und das Blut ist das Leben. Deswegen wird auf dem Stein, der die Macht ist, das Blut geopfert. ...das Blut wird in die Schale gegossen, und damit ins Feuer. ... Der Stein wird getränkt mit dem Blut und das Blut nimmt die Essenz des Steines. ... ... Wir wollen die Kraft des Steines in uns aufnehmen." (a.a.O., S. 161, 162)

Der Opferstein wurde regelmäßig mit Blut getränkt, weil dadurch symbolisch die Verbindung erhalten wurde: "Das Leben von uns ist ja eigentlich im Stein, denn die Stadt ist wie ein großer Stein. ... Leben heißt Macht. Macht heißt überleben, und Macht heißt beherrschen. Die anderen, auch primitive Völker, leben ja auch, aber wir leben mit Macht. Das ist allen Bewohnern der Stadt schon instinktiv ."(a.a.O., S. 162,163)

Es gab keine Anbetung von etwas "Göttlichem" im heutigen Sinne. Nach eigener Aussage war weder diese Begrifflichkeit bekannt, noch fand eine Trennung in spirituell oder materiell statt. Das naturgegebene Erfassen der Qualität der Dinge war der Lebenssinn, nicht ein Nachdenken über den Sinn des Lebens. Herr Reiter beschreibt es so:

"Ich denke nicht nach, sondern ich sinne nach – so in sich reinfühlen. ... das geht durch alle Sinne. Zum Beispiel seh ich nicht nur den Stein, ich schmecke ihn fast gleichzeitig, aber nicht so, wie wenn man mit der Zunge drüber schleckt. Die heutige Sprache ist so verquer, es ist alles aufgespalten. Ich brauch ihn bloß anzuschauen und merke, er ist kühl, er ist mächtig. Dann seh ich, er ist unbeweglich, ich spüre also seine Festigkeit. Ich höre ihn auch irgendwo. ... Das tiefe Vibrieren, das In-Sich-Ruhen, das ganz monotone D r ö h n e n, aber ganz anders wie man sagt Dröhnen, das ist eigentlich so Wauu-uuuooohh, Sssoohssoo (s seht stimmhaft, alles in tiefer melodischer Tonlage, ganz leise vibrierend gesprochen), das  g e h t  s o  t i e f  d u r c h, das ist eine ganz tiefe, also ganz lange Frequenz, ganz tief und gleichmäßig, wie ein Beben fast, wie wenn ein Erdbeben wäre, ohne dass es Geräusche macht. Man spürt Beben, wie in den Schluchten, das hört man richtig. Und so hört man auch den Stein und hört ihn und schmeckt ihn." (a.a.O., S. 167) 

Auf diese Inkarnation zurückblickend empfand Herr Reiter den alles beherrschenden Drang, Macht zu besitzen und zu demonstrieren, Stein um Stein auszubauen, Städte zu erschaffen. Eine Art Aufbruch, der die "Macht des Steines in das Leben pflanzte". Die Verbindung zum Heute ist unübersehbar. 

"Trotzdem muss ich sagen, ist das Leben, was ich da habe, letzten Endes eher schon ein Verfallssstadium – wir haben dieses Ding [die Pyramide] ja nicht gebaut. Es verfällt langsam zu dem Aspekt der Macht und des Stolzes und des Krieges, nichts Transzendentes für uns."  (a.a.O., S. 168) 

Es gehörte noch der vitalen, anfänglichen mentalen Macht an, nicht der uns innewohnenden Seelenmacht des sich mehr und mehr entwickelnden Psychischen Wesens, das im Sinne der gesamten Menschheit und auf Basis des Einsseins von allem entscheidet.  

Es ist bezeichnend für die Entwicklungslinie von Herrn Reiter, dass unmittelbar darauf eine Inkarnation folgte als Fischer in einer kargen Steinlandschaft, später als Konsequenz davon in der üppigen Naturlandschaft des Amazonas. Es selbst fasste diesen evolutionären Schritt sehr anschaulich zusammen:

"Die Natur ist da Stein, wirklich in ihrer elementarsten ausgelebtesten Form. Aber das Leben fehlt da, und das wird schon als Mangel empfunden. Und ich seh da den Zusammenhang so, dass ich die Kraft des Steins kenne, aber wieder reduziert bin auf den in diesem Sinne toten Stein, dass da was fehlt. Das Leben ... (unverständlich) fischen, um mich zu ernähren. Das ist alles ziemlich karg, bis ich dann die Fülle des Lebens schätzen lerne, in den Pflanzen, im späteren Leben. Dieser Stein ist das Umgesetzte von dem mehr oder weniger künstlichen Stein, was wir da gemacht haben (in der vorausgangenen Verkörperung), in die wirkliche Natur. – Das war künstlich aufgebaut, diese ganze Macht und Kultur. Das war aber doch noch Natur, die haben wir aber nicht gesehen. Und das wurde dann ins Extrem getrieben von der Natur mit dieser wilden, zerklüfteten Canyon-Landschaft; Schluchten und Riesenbrocken, die sich auf dieser Ebene hoch auftürmten und gleichzeitig fühlt man die Macht, auch in dieser Landschaft es Steins. Man wird sich des Mangels mehr bewusst, des Mangels, dass da Leben sein sollte, dass da Grün sein sollte, etwas sich Bewegendes, Entwickelndes, nicht nur Stein. Es ist schon ein Rückschritt, aber ein Rückschritt, um das bewusst zu machen. Das Bewusstsein wirkt plötzlich nicht wie zuerst als Macht, sondern als Mangel, entfremdet irgendwo. Es fehlt plötzlich was, es reicht nicht mehr aus; gerade durch diese extreme Übersteigerung." (a.a.O., S. 152)

 

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Links und Literatur 

Links and Literature: Please understand that I am listing only German sources. The equivalents, if any exist, are easy to find in the web.  


   Bilder und Zitate       Pictures and Quotes

 

 

 Der Mensch ist ein Übergangswesen. 

 Man is a transitional being. 

 Um den Glauben und alles andere zu erlangen, muss man darauf bestehen, ihn zu bekommen und darf solange nicht erlahmen oder verzweifeln oder aufgeben, bis man ihn besitzt – auf diese Weise wurde alles erlangt, seit diese schwierige Erde von denkenden und sehnsüchtigen Wesen bewohnt wird. Es gilt, sich ständig dem Licht zu öffnen und der Finsternis den Rücken zu kehren. Es gilt, die Stimmen zurückzuweisen, die unermüdlich behaupten: "Du kannst nicht, du darfst nicht, du bist unfähig, du bist eine Marionette eines Traumes." 

In order to gain faith and everything else you have to insist on getting it and must not grow weak, despair or give up until it is possessed - in this way everything has been obtained since this difficult earth is inhabited by thinking and longing beings. It is a matter of constantly opening ourselves to the light and turning your back on the darkness. It is necessary to reject the voices which tirelessly assert: "You cannot, you must not, you are incapable, you are a marionette of a dream."

 Ich glaube, ich kann behaupten, Tag und Nacht, Jahr um Jahr gewissenhafter experimentiert zu haben, als ein Wissenschaftler seine Theorie oder Methode auf der physischen Ebene prüft. 

 

I think I can claim to have experimented day and night, year by year, more conscientiously than a scientist examines his theory or method on the physical plane. 

 Die Manifestation der Liebe des Göttlichen in der Welt war das große Selbstopfer, die höchste Selbsthingabe. Das Vollkommene Bewusstsein willigte darin ein, in die Unbewusstheit der Materie einzutauchen und von ihr aufgesaugt zu werden, auf dass Bewusstheit in den tiefen ihrer Finsternis erweckt werde und nach und nach eine göttliche Macht darin auftauche und die Gesamtheit dieses manifestierten Universums zu einem höchsten Ausdruck des göttlichen Bewusstseins und der göttlichen Liebe mache.

 

The manifestation of the Divine Love in the world was the great self-sacrifice, the highest self-giving. The Perfect Consciousness consented to immerse in the unconsciousness of matter and to be absorbed by it to awaken consciousness in the depths of its darkness and to gradually reveal a Divine power in it and to turn the totality of this manifested universe into a supreme expression of the Divine consciousness and Divine love.

 

Ich kam nach Indien, um Sri Aurobindo zu begegnen. Ich blieb in Indien, um mit Sri Aurobindo zu leben. Als er seinen Körper verließ, fuhr ich fort, hier zu leben, um sein Werk weiterzuführen: d.h. der Wahrheit zu dienen und die Menschheit zu erleuchten, um die Herrschaft der göttlichen Liebe auf der Erde zu beschleunigen. 

 

 I came to India to meet Sri Aurobindo. I remained in India to live with Sri Aurobindo. When he left his body, I continued to live here in order to do his work which is by serving the Truth and enlightening humanity to hasten the rule of the Divine's Love upon earth.

 Gegenwärtig sind wir mitten in der Übergangsperiode, in welcher beide sich ineinander verschränken: Die alte Welt besteht noch in all ihrer Macht, beherrscht das gewöhnliche Bewusstsein, aber die neue schleicht sich ein, so bescheiden und unaufdringlich, dass sie für den Augenblick wenigstens äußerlich nicht sehr viel verändert ... aber sie arbeitet, sie wächst, bis auf den Tag, an dem sie stark genug ist, sich augenfällig zu behaupten. 

 

At the present time we are in the midst of the transitional period in which the two are intertwined: the old world still exists in all its power, dominates the ordinary consciousness, but the new is creeping in so modest and unobtrusive that at least for the moment it does not change much externally ...  but it works, it grows, until the day it is strong enough to assert itself visibly.

 

 Ich sah diese zwei Extreme: den Gipfel des Yogi und den Gipfel, sagen wir, des Elektronikers oder des Intellekts. Und was lag zwischen den beiden? Und wo ist es besser zu entschwinden? – Denn in beiden Fällen schien man zu entschwinden: entweder in leuchtendem Weiß oder in einem ziemlich erstickenden Schwarz. Aber das Leben, das göttliche Leben war das nicht!

 

 I saw these two extremes: the summit of the yogi and the summit, say, the electronics or the intellect. And what was between the two? And where is it better to escape? – For in both cases one seemed to be disappearing: either in bright white or in a rather suffocating black. But it wasn't life, not the Divine Life!

 Oh, wir halten uns alle für weise und wissend, wie schade! Wir schlafen weise und wissenschaftlich und auf einem seltsamen Feuer, das dort glimmert und das demnächst all unsere Weisheiten und Wissenschaften umstürzen wird. Was für Kinder wir doch sind! Dort, im Körper. Dieses Mysterium ...

 

Oh, we all consider ourselves wise and knowing, how pity! We sleep wisely and scientifically and on a strange fire glimmering there which will soon overthrow all our wisdoms and sciences. What children we are! There, in the body. This mystery ...

 

Es ist sehr seltsam: wie zwei Körper ineinander. Der eine weiß unwiderruflich und für immer und allen Widrigkeiten zum Trotz, er kennt das Leben, das er berührt; und der andere, ein wenig darüber und ihn gleichsam verhüllend, ist der alte sterbliche Körper, das Resultat unzähliger Vorahnen, die ihm den Tod und nur den Tod eintrichterten – den Tod bei der geringsten Anzweiflung seines überlieferten alten Rhythmus. Und dieser weiß überhaupt nichts! Er weiß nur um das alte Gesetz.

 

It is very strange: like two bodies in each other. The one knows irrevocably and forever and against all odds, he knows the life he touches; and the other a little above and covering him is the old mortal body, the result of countless ancestors which brought him death and only death  – death at the slightest doubt of his ancient tradition. And he knows nothing at all! He only knows the old law. 


Es ist die Dunkelheit vor der

Morgendämmerung,

just the darkness

before dawn ...